Der Chor „Angelite – The Bulgarian Voices“ beschloss den 10. Mittelhessischen Kultursommer

Gesang, ebenso ungewöhnlich wie faszinierend

Von Gert Heiland (0 64 41) 95 91 91 g.heiland@mail.mittelhessen.de

L a u t e r b a c h / W e t z l a r . Es war ein prachtvoller Rahmen für ein prachtvolles Konzert. Der 10. Mittelhessische Kultursommer setzte am Samstagabend in der evangelischen Barockkirche in Lauterbach (Vogelsbergkreis) mit seinem Schlusspunkt einen weiteren Höhepunkt. Der Chor „Angelite – The Bulgarian Voices“ mit seinem Dirigenten Georgi Petkov machte den rund 350 Zuhörern mit dem ersten Lied klar, warum er zu den renommiertesten Ensembles für „Weltmusik“ gehört.

20 Sängerinnen verschiedener Stimmlagen in eher schlichter Tracht traten vor, stellten sich nebeneinander vor dem barocken Alter auf, blickten zu ihrem Leiter und sangen. Eigenartig schwebende Töne erfüllten das Kirchenschiff, ein Singen ohne Vibrato oder Brüche, ebenso ungewöhnlich wie faszinierend.

Gewiss, verstanden hat man die Texte nicht, aber erfühlt. „Angelite“ beherrscht die Klaviatur des Gefühlsausdrucks. Mal war es sanfter, weicher, melancholischer Gesang, der die Zuhörer berührte, mal war er so kraftvoll, scharf und streng, dass es fast schmerzte. Da erklangen sakrale Lieder, wurde der Gesang zum Gebet, zur Lobpreisung. Es waren besinnliche Weisen, die durch die besondere Singweise irgendwie mystisch klangen. Etwa in dem Lied „Heiliger Gott“, das Ivan Spassow für den Chor komponiert hat. Die Stimmlagen begannen versetzt und sangen gewissermaßen gegeneinander, wie die Glocken eines großen Geläuts, um sich nach und nach im Einklang zu vereinen. Die Vorliebe für eine zweite Stimme ist die Charakteristika dieses Chores. Sie wird in einem knappen Tonabstand zur Hauptmelodie gehalten und sorgt so einerseits für beinahe dissonant klingende Reibungen, erzeugt aber andererseits eine große stimmliche Strahlkraft, auch in den Soli. Doch nicht nur andächtige Gesänge hielten die Zuhörer im Bann, sondern auch volkstümliche Lieder, die – manchmal mit Einflüssen türkischer Musik – Geschichten erzählen.

Etwa „Ein Vogel singt“, ein poetischer Titel, der dennoch Melancholie birgt: Der Vogel, so das Programm, warnt: Lasst die Jungen lieben und geliebt werden, die Zukunft wird schwer genug.

Oder das Lied „Todoras Traum“. Das Mädchen Todora, das unter einem Olivenbaum schläft, wird von einem herab fallenden Blatt geweckt. Todora ist traurig, träumte sie doch gerade, dass ihr Liebster ihr den Ehering geben will. Der zweite Teil des Konzerts brachte modernere, rhythmischere Stücke, in denen der Chor auch in verschiedenen Formationen beziehungsweise mit Solistinnen agierte. Dieser Part war lebendiger als der erste – und farbenfroher. Denn die Frauen traten in prächtiger Kleidung auf. Sie sangen Lieder, die auf traditionellen Stücken beruhen oder auf der Verarbeitung traditioneller Elemente in aktuellen Kompositionen. Ungeheure Dynamik und Energie begeisterten das Publikum. Und fast schien es, als sollte der Applaus, sollte das Trampeln der Zuhörer die Mauern der Kirche sprengen.

Der Gesang der bulgarischen Sängerinnen im Ambiente der Barockkirche war ein sehr sinnliches Erlebnis. (Foto: Heiland)

 
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