Ben Becker sorgte
für gelungenen Auftakt des Mittelhessischen Kultursommersittelhessischer
Kultursommer in Rodheim
Franz Biberkopf
mit markanter Stimme und großer Bühnenpräsenz
21.06.2004
Von Guntram Lenz
Tel.: (0 27 71) 87 44 25
E-Mail:g.lenz@mail.mittelhessen.de
Bad Nauheim. Wer einen Becker-Marathon bislang nur vom Centre-Court
kannte, wurde am Samstagabend zum Auftakt des 12. Mittelhessischen Kultursommers
im Bad Nauheimer Jugendstiltheater Dolce eines Besseren belehrt. In
einer rasanten, stellenweise atemberaubenden szenischen Lesung von weit
über drei Stunden Dauer ließ der Berliner Sänger, Theater-
und Filmschauspieler Ben Becker die Figur des Franz Biberkopf aus Alfred
Döblins weltberühmtem, gerade 75 Jahre altem Großstadtroman
"Berlin Alexanderplatz" lebendig werden. Und ganz nebenbei
wurden die Kultursommer-Veranstalter ihrem Anspruch, viel Kultur für
(relativ) wenig Geld bieten zu wollen, bei einem Eintrittspreis von
15 Euro mehr als gerecht.

Ein halbes Jahrhundert
war Charakterdarsteller Heinrich George der Franz Biberkopf schlechthin,
ihn kannte man aus Piel Jutzis Verfilmung aus Jahres 1931 als den tragischen
Helden und kleinen Mann, der viel lieber ein großer wäre,
und den sein missverstandenes Selbstbewusstsein an den kleinen Verhältnissen
scheitern lässt.
Opfer der Verhältnisse
Dann setzte Günther
Lamprecht in Rainer Werner Fassbinders Fernseh-Dreizehnteiler Anfang
der Achtziger neue Maßstäbe für die Darstellung dieses
Manns, der nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis in der sich
rasant verändernden Großstadt daran gehindert wird, ein anständiger
Mensch zu werden und auf Frauen wie Männer gleichermaßen
herein fällt, ihnen fast hilflos ausgeliefert ist. Und in jenen
Jahren sah man in Biberkopf auch den Prototyp des Mitläufers, von
dem es bald nach Erscheinen des Buchs in Deutschland nur allzu viele
gab.
Der Biberkopf des
neuen Jahrtausends ist ein "Womanizer", ein Mann, der die
Frauen liebt, und vom Typ her passt Becker ideal in dieses Beuteschema:
kräftig ist er, auf den Mund gefallen schon gar nicht, und dann
erst die rauchig markante Stimme, die sich in die Gehörgänge
schmeichelt und die Zuhörerinnen reihenweise dahinschmelzen lässt.
Sparsame Gesten
Mit diesen Pfunden
konnte der 39-Jährige wuchern, und das tat er denn auch, wobei
er sich immer wieder selbst zurücknahm und der Phantasie der Zuhörer
Spielraum ließ, sich nur gelegentlich einen kleinen Flirt mit
dem Publikum erlaubte und sich dann wieder zur Ordnung rief: "Zurück
zum Text".
Auf übertriebene
Gesten konnte Becker verzichten, eine minimale Gigolo-Einlage genoss
der Narziss mindestens so wie seine vornehmlich weiblichen Fans, und
das Umblättern der Seiten zelebrierte er, als läse er aus
Jahrhunderte alten Folianten, und dabei ist der Roman aus dem Jahr 1929
über weite Strecken noch immer hochaktuell.
(Zu)viel des Guten
Und so ist es denn
auch Biberkopfs Vielschichtigkeit, die Becker zu dieser Rolle greifen
ließ, die er in der Schauspielfassung im immer wieder ausverkauften
Berliner Maxim Gorki Theater über hundert Mal verkörperte.
"Er ist letztendlich ein Clown, der etwas sehr tragisches, rührendes,
liebenswertes, manchmal auch was boshaftes, schönes und komisches
hat", sagte Becker im Gespräch.
Zugegeben, für
manchen im Saal hätte an diesem Abend etwas weniger Biberkopf vielleicht
etwas mehr Genuss bedeutet, denn ein dreistündiges konzentriertes
Zuhören bei einer Lesung ist selbst für geschulte Theaterbesucher
eine Herausforderung.
Dank ans Publikum
Becker hielt sich
bei seiner Performance, bei der ihm seine Bandmitglieder Ulrik Spies
und Jacki Engelken als Musiker und Geräuschemacher mit eingängigen
Soundcollagen aus Großstadtlärm und Jazz, schmelzendem Swing
und hämmernden Verkehrsgeräuschen assistierten, an die Fassung,
die er im Vorjahr als Hörbuch im Patmos Verlag eingespielt hat,
das sich mittlerweile wie geschnitten Brot verkauft.
In Bad Nauheim hatte
die Tourfassung Premiere, und es ist durchaus denkbar, dass sie bis
zum Ende der Tournee noch Straffungen erlebt, die der Qualität
des Abends keinen Abbruch tun. In Bad Nauheim jedenfalls dankte Becker
vom Bühnenrand für die aufmerksame Geduld, als sich der Zeiger
der Uhr schon langsam auf Mitternacht zu bewegte.