Ben Becker sorgte für gelungenen Auftakt des Mittelhessischen Kultursommersittelhessischer Kultursommer in Rodheim

Franz Biberkopf mit markanter Stimme und großer Bühnenpräsenz

21.06.2004

Von Guntram Lenz
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Bad Nauheim. Wer einen Becker-Marathon bislang nur vom Centre-Court kannte, wurde am Samstagabend zum Auftakt des 12. Mittelhessischen Kultursommers im Bad Nauheimer Jugendstiltheater Dolce eines Besseren belehrt. In einer rasanten, stellenweise atemberaubenden szenischen Lesung von weit über drei Stunden Dauer ließ der Berliner Sänger, Theater- und Filmschauspieler Ben Becker die Figur des Franz Biberkopf aus Alfred Döblins weltberühmtem, gerade 75 Jahre altem Großstadtroman "Berlin Alexanderplatz" lebendig werden. Und ganz nebenbei wurden die Kultursommer-Veranstalter ihrem Anspruch, viel Kultur für (relativ) wenig Geld bieten zu wollen, bei einem Eintrittspreis von 15 Euro mehr als gerecht.

Ein halbes Jahrhundert war Charakterdarsteller Heinrich George der Franz Biberkopf schlechthin, ihn kannte man aus Piel Jutzis Verfilmung aus Jahres 1931 als den tragischen Helden und kleinen Mann, der viel lieber ein großer wäre, und den sein missverstandenes Selbstbewusstsein an den kleinen Verhältnissen scheitern lässt.

Opfer der Verhältnisse

Dann setzte Günther Lamprecht in Rainer Werner Fassbinders Fernseh-Dreizehnteiler Anfang der Achtziger neue Maßstäbe für die Darstellung dieses Manns, der nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis in der sich rasant verändernden Großstadt daran gehindert wird, ein anständiger Mensch zu werden und auf Frauen wie Männer gleichermaßen herein fällt, ihnen fast hilflos ausgeliefert ist. Und in jenen Jahren sah man in Biberkopf auch den Prototyp des Mitläufers, von dem es bald nach Erscheinen des Buchs in Deutschland nur allzu viele gab.

Der Biberkopf des neuen Jahrtausends ist ein "Womanizer", ein Mann, der die Frauen liebt, und vom Typ her passt Becker ideal in dieses Beuteschema: kräftig ist er, auf den Mund gefallen schon gar nicht, und dann erst die rauchig markante Stimme, die sich in die Gehörgänge schmeichelt und die Zuhörerinnen reihenweise dahinschmelzen lässt.

Sparsame Gesten

Mit diesen Pfunden konnte der 39-Jährige wuchern, und das tat er denn auch, wobei er sich immer wieder selbst zurücknahm und der Phantasie der Zuhörer Spielraum ließ, sich nur gelegentlich einen kleinen Flirt mit dem Publikum erlaubte und sich dann wieder zur Ordnung rief: "Zurück zum Text".

Auf übertriebene Gesten konnte Becker verzichten, eine minimale Gigolo-Einlage genoss der Narziss mindestens so wie seine vornehmlich weiblichen Fans, und das Umblättern der Seiten zelebrierte er, als läse er aus Jahrhunderte alten Folianten, und dabei ist der Roman aus dem Jahr 1929 über weite Strecken noch immer hochaktuell.

(Zu)viel des Guten

Und so ist es denn auch Biberkopfs Vielschichtigkeit, die Becker zu dieser Rolle greifen ließ, die er in der Schauspielfassung im immer wieder ausverkauften Berliner Maxim Gorki Theater über hundert Mal verkörperte. "Er ist letztendlich ein Clown, der etwas sehr tragisches, rührendes, liebenswertes, manchmal auch was boshaftes, schönes und komisches hat", sagte Becker im Gespräch.

Zugegeben, für manchen im Saal hätte an diesem Abend etwas weniger Biberkopf vielleicht etwas mehr Genuss bedeutet, denn ein dreistündiges konzentriertes Zuhören bei einer Lesung ist selbst für geschulte Theaterbesucher eine Herausforderung.

Dank ans Publikum

Becker hielt sich bei seiner Performance, bei der ihm seine Bandmitglieder Ulrik Spies und Jacki Engelken als Musiker und Geräuschemacher mit eingängigen Soundcollagen aus Großstadtlärm und Jazz, schmelzendem Swing und hämmernden Verkehrsgeräuschen assistierten, an die Fassung, die er im Vorjahr als Hörbuch im Patmos Verlag eingespielt hat, das sich mittlerweile wie geschnitten Brot verkauft.

In Bad Nauheim hatte die Tourfassung Premiere, und es ist durchaus denkbar, dass sie bis zum Ende der Tournee noch Straffungen erlebt, die der Qualität des Abends keinen Abbruch tun. In Bad Nauheim jedenfalls dankte Becker vom Bühnenrand für die aufmerksame Geduld, als sich der Zeiger der Uhr schon langsam auf Mitternacht zu bewegte.




 
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